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TITELSTORY

Autobiografie | Aufgewachsen in Deutschland

Zuhause in zwei Welten

Ich erinnere mich noch genau an die ausgehenden 80er Jahre. Am Ende der Schulzeit schmiedet man Pläne und überlegt, wie wohl die eigene berufliche Zukunft aussehen mag. Unweigerlich stellt man sich dabei seiner Herkunft und Identität - und damit auch die Frage: Wo wird mein zukünftiger Lebensmittelpunkt sein?

Geboren wurde ich 1970 im griechischen Kastoria. Meine Eltern lebten zu diesem Zeitpunkt schon lange in Deutschland. Mein Vater kam 1957 als 18jähriger ins "gelobte Land", um Arbeit zu suchen. Meine Mutter lernte er später in Kastoria kennen; sie folgte ihm einige Jahre später nach Deutsch- land. Damals war für meine Eltern klar: sie lebten zwar in der Fremde, ihre Heimat aber war Grie- chenland. Fernab der Heimat ein Kind zu bekommen, schien für meine Mutter sehr schwer zu sein. Und somit beschlossen meine Eltern, dass ich in Kastoria in der Nähe meiner Oma zur Welt kommen sollte. Ich war kaum 40 Tage alt, als meine Eltern mit mir wieder zurück nach Deutschland flogen. Nur ein paar Jahre noch in der Fremde, dann wollten sie für immer in die Heimat zurück kehren. Die ersten Jahre meines Lebens wuchs ich in Hannover auf und ging in einen deutschen Kindergarten. Bereits 1975 wurde ich in die griechische Grundschule in der Südstadt eingeschult, und im darauf

Fotoalbum – Blick in die Vergangenheit der Familie Emmanouil

folgenden Jahr war die Rückkehr "für immer" nach Griechenland geplant. Der Abschied fiel uns schwer, denn nach mittlerweile sechs Jahren in Vinnhorst waren aus unseren deutschen Vermietern und Nachbarn Freunde geworden. Zum Abschied fand ein großes Gartenfest statt, während der LKW des Speditionsunternehmens bereits vollbeladen vor unserem Haus stand.

In Kastoria besuchte ich die grie- chische Grundschule und lebte mich schnell im Kreise unserer Verwandten ein. Für meine Eltern war dieser "Neuanfang" in unserer alten Heimat schwieriger. Die täg- lichen Abläufe, vor allem auf den Behörden, entsprachen nicht mehr ihren Vorstellungen. Sie waren mittlerweile ja die typisch deut- sche Gründlichkeit gewohnt. Immerhin lebte mein Vater schon fast 20 Jahre, also die Hälfte seines Lebens, in Deutschland! Also beschlossen meine Eltern nach vier Jahren, wieder zurück nach Hanno- ver zu ziehen. Für mich war das ein großes Abenteuer, und ich freute mich riesig auf diesen Wechsel – ohne genau zu wissen, was mich erwartet. Wir zogen nach Friedenau, und meine Eltern bewahrten sich einen großen Freundeskreis innerhalb der griechischen Gemeinde, schlossen aber über die Nachbarschaft, den Schützenverein und die freiwillige Feuerwehr enge Freundschaften zu Deutschen und haben mir dadurch vorgelebt, wie Integration in der Fremde funktioniert. Ich war zwar in Grie- chenland immer "der Deutsche" (und umgekehrt in Deutschland "der Grieche"), ernsthafte Probleme hatte ich jedoch nie. Teilweise empfand ich diese Ambivalenz damals als quälend: Nicht zu wissen, wohin ich gehöre, jeder Griechenlandreise entgegen zu fiebern, mich auf der Rückreise nach Tränen des Abschieds aber wieder auf zu Hause (also auf Deutschland) zu freuen. Wie übrigens auch meine Eltern, die den Schritt zurück nie bereut haben. Erst später begriff ich, welch wertvoller Schatz es ist, zwei Heimaten zu besitzen und in zwei Welten zu Hause zu sein. Er ist eine Bereicherung, aus der sich für unsere sogenannten 2. Generation neue Möglichkeiten eröffnen. Von vielen Berufstäti- gen wird heute ein hohes Maß an Mobilität erwartet, Auslandsaufenthalte inklusive. Den Einblick in verschiedene Kulturen haben wir in die Wiege gelegt bekommen und müssen ihn nur zu nutzen wissen. Offenheit und Toleranz gegenüber fremden Kulturen zu empfinden und zu zeigen, das sollte uns leicht fallen. Und dies sollten wir auch an unsere Kinder weitergeben. ◊ Dr. Ilias Emmanouil





Zur Person
Dr. Ilias Emmanouil ist Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheil- kunde. Während seines Studiums an der Medizinischen Hoch- schule Hannover absolvierte er einige Auslandsaufenthalte in Thessaloniki (Griechenland), Davos (Schweiz) und New York (USA). Nach seiner Facharztausbildung an der HNO Klinik der MHH erwarb er während seiner mehrjährigen Tätigkeit als Oberarzt in der HNO Klinik in Bad Hersfeld und der HNO Klinik des Klinikums Hannover Nordstadt die Zusatzbezeichnungen "spezielle HNO-Chirurgie" und "Schlafmedizin". Seit 2008 ist er in einer HNO Gemeinschaftspraxis niedergelassen.

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