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TITELSTORY

Vom Gastarbeiter zum Mitbürger | Teil 4 "Die neuen Deutschen"

Zwischen den Kulturen

"Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.", sagte einst der französische Schrift- steller und Philhellene Victor Hugo. "Nichts ist schlimmer, als eine gute Idee, die längst überfällig ist" – könnte man dem sinngemäß mit Blick auf die aktuelle deutsche Integrationspolitik hinzufügen. Eine gute Idee wäre es etwa gewesen, bereits bei der zweiten Generation zum Ende der vergange- nen 60er und Anfang der 70er Jahre ernsthaft und vorausschauend über das Thema Integration nachzudenken. Denn die Kinder der ersten Generation wurden meist hier geboren oder kamen in jungen Jahren im Zuge der Familienzusammenführung nach Deutschland und wuchsen hier auf.

In jungen Jahren - Wangelis Georgiadis

Diese Kinder hätten eine angemessene Integra- tionspolitik wahrlich nötiger gehabt als ihre El- tern – denn sie waren keine "Gastarbeiter", son- dern junge Mitbürger, die Erziehung und Bildung brauchten. Heute fordern Experten und Politiker, die Integration bereits in der Krippe oder im Kindergarten zu beginnen. Denn nur wer im frü- hen Kindesalter die deutsche Sprache erlernt, hat in der Schule und im Beruf tatsächlich gute Aussichten auf Erfolg. Hätte man damals die Gastarbeiter nicht nur auf ihren ökonomischen Wert für die junge Marktwirtschaft reduziert, hätten sich wohl auch die Eltern integrationsbe- reiter gezeigt. Doch die zweite Generation wur- de seinerzeit von der Politik sich selbst und ih- ren Eltern überlassen. Dabei wäre es mit einer zukunftsorientierten Bildungspolitik ein Leichtes gewesen, diese Kinder schnell an die deutsche Kultur und Sprache heranzuführen und von vornherein die kulturellen Gräben zu überwin- den. Im Gegensatz zu ihren Eltern hatten sie ja keine "alten Erinnerungen" und kein Heimweh, da sie ihr Herkunftsland meist gar nicht kannten.

Doch es wäre zu einfach, die gesamte Schuld für diesen Missstand allein auf die deutsche Politik zu schieben. Denn: In erster Linie sind es die Eltern, die verantwortlich sind für die Erziehung ihrer Kin- der und somit auch für ihre Schulbildung. Die erste Generation der Gastarbeiter, oft selbst ungebil- det, interessierte sich zunächst kaum für die Bildung ihrer Kinder, weil sie ihren Aufenthalt in Deutschland als zeitlich begrenzt ansahen und die Bildung der Kinder später in der Heimat nachholen wollten. Doch gerade die Griechen gestanden sich schnell ein, dass sie mit diesen Zukunftsplänen falsch lagen. Folglich kümmerten sich umso intensiver darum, ihren Kindern eine bessere Zukunft in

In jungen Jahren - Panagiota Brachou

Deutschland zu ermöglichen. Die integrations- willigen griechischen Kinder hatten kaum Schwierigkeiten, in der deutschen Schule voran- zukommen oder unter den deutschen Kindern Freunde zu finden. Obwohl für die zweite Gene- ration dieses Deutschland schnell zur Wahlhei- mat wurde, blieben sie für viele Deutsche immer noch die "Ausländerkinder". Zudem waren der Einfluss der Eltern und der Gedanke an die Rückkehr in die Heimat noch zu groß. So streb- ten die jungen Griechen damals nur vereinzelt die deutsche Staatsbürgerschaft an. Sie wollten die griechische in der Regel behalten (die dop- pelte Staatsbürgerschaft war noch nicht mög- lich) und ihre kulturelle Identität nicht verleug- nen. Doch das Wandern zwischen den Kulturen ist nicht einfach, und um ihre Kinder nicht ir- gendwo zwischen den Kulturen zu verlieren, sorgte scon die erste Generation dafür, dass ihre Kinder von der griechischen Gemeinschaft aufgefangen wurden.

Ein ausgeprägtes Bedürfnis nach kultureller und politischer Selbstorganisation hat schon früh überall "Griechische Gemeinden" und Vereine entstehen lassen. Und auch die griechisch-ortho- doxe Kirche oder die griechischen Schulen, die die Kinder zusätzlich zur deutschen besuchen mussten und heute noch müssen, sind wichtige Be- standteile der griechischen Identität. Wie keine andere ethnische Gruppe in Deutschland bemühen sich nun auch die Griechen der zweiten Generation, diese nationale Identität in ihren Kindern zu be- wahren. Aus Erfahrung wissen sie, wie wichtig es für das Selbstbewusstsein ist, eine eigene Ge- schichte zu haben, ohne sich von ihrem Alltag in Deutschland auszugrenzen. Trotzdem oder gerade deswegen gab es zu keiner Zeit eine griechische Parallelgesellschaft oder ein überwiegend griechi- sches Wohnviertel in Hannover oder anderswo in Deutschland. Das wäre gegen die kosmopolitische

In jungen Jahren - Efstratios Deligiannis

Natur der Griechen, die sich überall auf dem Globus leicht integrieren können und wollen. Weil sie zu jenen beneidenswerten Menschen gehören, die sich sowohl in dem einen wie auch in einem anderen Kulturkreis heimisch fühlen. Einfach hatten sie es dabei jedoch nicht, weder im privaten noch im beruflichen Leben. Immer wieder mussten sie als Ausländer beweisen, dass sie den Deutschen gegenüber loyal sind. Und sie mussten oft auch mehr leisten als ihre deutschen Kollegen und Freunde, um von ihnen akzeptiert und anerkannt zu werden oder um eine Arbeitsstelle zu bekommen.

Bis heute tut sich die deutsche Gesellschaft schwer, die Millionen von Einwanderern als gleichberechtigte Mitbürger zu sehen, geschwei- ge denn als Deutsche anzuerkennen. Die poli- tische Elite kann sich bis heute nicht dazu durch- ringen, Deutschland als Einwanderungsland zu bezeichnen. Ist es nicht absurd, dass ein hier geborener Jugendlicher griechischer Abstam- mung, der fließend deutsch spricht und (abge- sehen vom Sommerurlaub) Deutschland nie verlassen hat, als Ausländer gilt, während ein Jugendlicher, der in Russland aufgewachsen ist, nur russisch spricht und Russland nie verlassen hat, aufgrund seiner Abstammung kurz nach seiner Einreise bereits deutscher Staatsbürger ist? Natürlich sind die Griechen Einwanderer, doch fast alle von ihnen werden ihren Lebensabend in Deutschland verbringen. Die griechischen Kinder der ersten Generation, die heute eigene Familien mit Kindern haben, sind etablierte und angesehene Mitbürger in der deutschen Gesellschaft gewor- den und haben ihren Lebensmittelpunkt in diesem Land frei gewählt. Sie haben sich eingebracht und Verantwortung übernommen, haben die kulinarische Landschaft revolutioniert und die Kultur berei- chert. Sie sind aus der deutschen Gesellschaft und vom deutschen Arbeitsmarkt nicht mehr wegzu- denken – ob Arbeiter oder Akademiker, Handwerker oder Hotelier, Koch oder Künstler. Und eines haben sie alle gemeinsam: Sie sprechen Deutsch, achten die deutschen Gesetze und die deutsche Verfassung – und sie sind hier gern zuhause! ◊ KP

Foto (Privatarchiv): SV Iraklis 1981

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