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TITELSTORY

Biografie | Aufgewachsen in Deutschland

Heimat ist da, wo du lebst

Man muss sich mit der eigenen Identität auseinandersetzen und sich selbst respektieren, um ge- stärkt und selbstbewusst auch andere Menschen akzeptieren und respektieren zu können.

1967 war ich sechs Jahre alt und sprang vor Freude in die Luft, als unsere Mutter meinen beiden Ge- schwistern und mir eröffnete, dass unser Vater bald zurück nach Griechenland kommen würde, um uns alle mit nach Deutschland zu nehmen. Dort arbeitete er schon seit zwei Jahren. Ich lief jubelnd auf die Straße und rief meinen Spielkameraden die freudige Botschaft schon von weitem zu. Doch kaum waren wir in Deutschland, kam die erste Enttäuschung: Schnee auf dem Münchner Hauptbahn- hof! Wir froren bitterlich. In der kleinen Wohnung in Hannover-Herrenhausen endlich angekommen, fielen wir tod-müde ins Bett. Am nächsten Morgen lief ich sofort vor die Tür, um meine neue Umge- bung zu erkunden und Spielkameraden zu finden. Schon bald kamen die ersten Kinder aus der Nachbarschaft ebenfalls auf die Straße gelaufen. Misstrauisch musterten wir uns von weitem. Sie waren blond und sprachen gar nicht wie ich. Nachdem sie mich lange genug angestarrt hatten, dreh-

"Multi–Kulti" – Schnappschüsse von Geburtstagspartys

ten sie sich um und spielten ohne mich weiter. Doch es dauerte nicht lange und die Neugier der deut- schen Kinder auf meine Herkunft überwog und sie ließen mich mit- spielen. So lernten wir Kinder in Rekordzeit die deutsche Sprache und konnten bei Schwierigkeiten sogar für unsere Eltern überset- zen. Zu ihnen nach Hause durfte ich aber anfangs nicht mit, weil ihre Eltern das nicht erlaubten. "Die Griechen riechen", hieß es. Oder "alle Südländer klauen!". Wir waren traurig, wenn wir das hör- ten und verstanden es nicht. Mei- ne Mutter fand bald Arbeit, und so waren wir wochentags fast den ganzen Tag und manchmal auch nachts allein. Unsere große neun- jährige Schwester musste auf uns aufpassen, den Haushalt machen und kochen. Ich bewundere ihre Kraft noch heute. Eingeschult wurde ich in die Griechische Grundschule in Berenbostel. Ich ging gerne dorthin, weil ich viel über Griechenland erfuhr und auch mal mit griechischen Kindern spielen konnte. Nach nur drei Jahren entschieden sich unsere Eltern, länger als geplant in Deutschland zu bleiben. Sie mieteten eine grös- sere Wohnung und meldeten uns an einer deutschen Grundschule an. Ohne Deutsch lesen und schreiben zu können kam ich als einziges Ausländerkind in die vierte Klasse und schaffte es mit aus- reichend guten Noten in der fünften Klasse, mich für das Gymnasium zu qualifizieren. Doch der Di- rektor dort lehnte mich ohne Begründung ab, sodass ich kurz darauf weinend vor der Leiterin mei- ner Grundschule stand und ihr davon berichtete. Entrüstet fuhr sie mit mir zurück zum Gymnasium. Ein lautes Donnerwetter brach hinter der verschlossenen Bürotür des Direktors los und ich konnte hören, dass er der Meinung war, dass ich als Gastarbeiterkind doch sowieso zurück in die Heimat gehen würde und meine Ausbildung "Perlen vor die Säue" wäre. Aber meine resolute Schulleiterin, der ich dafür mein Leben lang dankbar sein werde, setzte sich durch und drohte mit Konsequenzen. Und so konnte ich dieses Gymnasium als erstes Gastarbeiterkind besuchen. Aber auch später als Ju- gendlicher, wenn ich mit anderen Griechen zusammen war, hörte ich den Spruch: "Du kommst hier nicht rein!". Innerlich habe ich mir in diesen Jahren deshalb immer gewünscht, ein Deutscher zu sein. Erst als wir es uns leisten konnten, regelmäßig in den Sommerferien nach Griechenland zu fah- ren, lernte ich mein Herkunftsland richtig kennen und lieben und war und bin stolz auf meine Wur- zeln. Aber ich liebte auch und liebe noch immer meine Heimat Deutschland, denn Heimat ist da wo du lebst. Nach dem Abitur studierte ich Architektur, habe eine kleine Familie gegründet und wir ver- bringen nun jedes Jahr den Sommer in Griechenland. ◊ KP

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