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TITELSTORY

Vom Gastarbeiter zum Mitbürger | Teil 3 "Unsere Kinder"

Die zweite Generation

Sie sind die Kinder der ersten Gastarbeiter-Generation. Sie sind meist hier geboren oder ungefragt in jungen Jahren nach Deutschland gebracht worden. Ihre Heimat kannten sie anfangs nur aus Er- zählungen der Eltern. Sie haben die Koffer endlich ausgepackt und im Keller verstaut. Im Gegen- satz zu ihren Eltern, die als Gastarbeiter der ersten Generation ihre Koffer jahrelang und immer griffbereit auf dem Schrank aufbewahrten. Es gibt kein Zurück mehr, weil es kein Woher gibt! Zu- mindest für die meisten Kinder der ersten Gastarbeiter-Generation, die in Deutschland geboren sind.

In jungen Jahren - Anatoli Ritter

Sie sind keine Gäste auf Zeit oder Fremde, denn sie sind weder zum Arbeiten angeworben wor- den, noch sind sie hier fremd. Meist sind sie so- gar gebürtige Deutsche – trotzdem ihre Eltern Ausländer sind. Somit ist für diese Kinder das neue Deutschland ihre neue Heimat. Folglich stellt sich die Frage: Wer sind nun eigentlich ihre Landsleute? Sie sitzen zwischen den Stühlen und kämpfen zugleich auf zwei Schauplätzen – im- mer mit der Angst, ihre Identität zu verlieren. In Deutschland sind sie Fremde und in Griechen- land noch fremder. In Deutschland sind sie Grie- chen und in Griechenland sind sie Deutsche, un- abhängig von der Staatsangehörigkeit im Reise- pass. Obwohl Griechen der zweiten Generation hervorragend in Deutschland integriert sind und sich mit ihren deutschen Mitbürgern sehr gut verstehen, werden sie immer noch als Griechen gesehen. Und sie fühlen sich mit angesprochen, wenn auf Ausländer geschimpft wird. Erst wenn Deutschland erkennt, dass es ein Einwande- rungsland ist, haben wir eine gute Basis für In- tegration. Berühmt ist in diesem Zusammen- hang das so genannte "Kühn-Memorandum" des ersten bundesdeutschen Ausländerbeauftragten Heinz Kühn (SPD), der bereits 1979 forderte: „Deutschland muss die faktische Situation anerkennen, dass es längst ein Einwanderungsland ist und als solches in der Pflicht ist, eine konsequente Integra- tionspolitik zu betreiben."

In jungen Jahren - Wassili Kosseoglou

Wir leben in Zeiten, in denen ein Barack Obama als erster Afro-Amerikaner zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wurde – und dass, obwohl er nie verleugnet hat, dass ihn vieles auch mit Kenia (dem Heimatland sei- nes Vaters) verbindet. Ganz Deutschland hat applaudiert und fand das beeindruckend. "Yes, he can." Kein Amerikaner und auch kein Deut- scher würde jemals auf den Gedanken kommen, in Barack Obama nur einen Kenianer zu sehen. So funktioniert in gutem Sinne Multi-Kulti und Integration. "You are the citizens of the world" rief Obama dem jubelnden Publikum bei seiner Berliner Rede zu und sprach damit auch den Menschen der zweiten Gastarbeiter-Generation aus der Seele. Sie sind in den 60er Jahren meist im Kleinkindalter von ihren Eltern nach Deutsch- land geholt worden oder sie wurden hier gebo- ren und leben nun schon seit mehr als 30 Jah- ren in ihrer ersten Heimat. Sie waren in der Re- gel in einem griechischen oder deutschen Kin- dergarten und haben später eine deutsche und/ oder griechische Grundschule besucht. Sie spre- chen fließend Deutsch und haben einen deut- schen Schulabschluss. Sie haben eine Ausbil- dung abgeschlossen oder studiert, akademische Grade erreicht oder Karriere als Manager und Un- ternehmer gemacht. Trotzdem vereint sie eine Gemeinsamkeit: Sie hatten eine ungewöhnliche Kind- heit und Jugend. Im Gegensatz zu ihren deutschen Freunden, mit denen sie aufgewachsen sind, mussten sie ihr Leben lang mit zwei Identitäten klar kommen. Laut einer Studie über die griechi-

In jungen Jahren - Danai Staboulidou

schen Immigranten des griechischen For- schungsinstituts Kappa Research, die erst am 25. November offiziell vorgestellt werden wird, lassen sich daraus interessante Schlussfolge- rungen ziehen. Erstmalig wurden über einen Zeitraum von zwei Jahren über 15.000 Griechen aus aller Welt befragt, wie sie ihre Heimat se- hen. Das bemerkenswerteste Ergebnis dieser Studie: In Deutschland fühlen sich die meisten Griechen besser integriert als in allen anderen europäischen Ländern (gefolgt von Holland, Bel- gien, Frankreich und Italien). Jeder dritte Be- fragte nimmt an Veranstaltungen der Griechi- schen Gemeinde in seinem Wohnort teil. Er- staunlich negativ bewerten die Griechen in Deutschland das griechische Bildungsmodell in der Bundesrepublik. "Wir sind zum Ergebnis ge- kommen, dass die Mehrheit glaubt, dass es in Deutschland keine guten griechischen Schulen geben kann", so der Geschäftsleiter der Kappa Research. Die Hellenen in Deutschland glauben auch, dass die griechische Regierung die Ver- antwortung für die magere Bildungssituation an den griechischen Schulen in Deutschland trägt. Die Griechen in Holland, England und Amerika glauben jedoch, dass die allgemeine Haltung der Begrüßungsländer ausschlaggebend ist. Tatsa- che ist, dass die Kinder der zweiten Generation in den 60ern und bis Mitte der 70er Jahre von ihren Eltern oft in Bezug auf ihre schulische Laufbahn vernachlässigt wurden. Die Eltern, meist selbst un- gebildet, hatten zu jener Zeit immer noch den Gedanken an eine Rückkehr in die Heimat in ihrem Hinterkopf. Und die Frage "Warum soll das Kind auf die deutsche Schule gehen, wenn wir sowieso bald zurückkehren werden?" kam nicht selten auf. Ebenso die Auffassung: "Die griechische Grund- schule bis zur sechsten Klasse sollte ausreichen, zur anschließenden Weiterbildung geht es ohnehin in die Heimat. Wir wollen ja nicht ewig hier bleiben." So oder so ähnlich dachten damals die meisten Eltern. Nur wenige Kinder, die ihre schulische Laufbahn in den 60ern begonnen haben, schafften es, eine akademische Laufbahn einzuschlagen. Sie hatten keinerlei Unterstützung oder Hausaufgaben- hilfe von zuhause. Es war eigentlich noch schlimmer: Die Kinder waren bereits im frühen Alter oft den ganzen Tag allein und unbeaufsichtigt, da beide Elternteile arbeiten mussten. Erst in den 70er Jahren, nachdem Vielen schon bewusst wurde, dass sie ihre Heimat nicht so schnell wiedersehen würden und wollten, kümmerte man sich ernsthaft um die Bildung der eigenen Kinder.

Hinweis:
Was aus den Kindern der zweiten Gastarbeiter-Generation geworden ist, können Sie in unserer Titelgeschichte der Ausgabe IV lesen.

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