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TITELSTORY

Pioniere | Brief an die Heimat

Jedes Wort ein Gruß

Briefe an die Heimat waren meist die einzige Verbindung zur Familie. Denn das Telefonnetz in Grie- chenland war Anfang der vergangenen 60er Jahre in den Städten kaum und auf dem Land über- haupt nicht ausgebaut. Falls es dort doch einen Apparat gab, war er meist "Ansprechpartner" für
ein ganzes Dorf. Das geschriebene Wort hingegen erreichte die Menschen direkt – und im Herzen.


Meine geliebte Despina, meine geliebten Kinder, ich grüße Euch!
Mir geht es gut und ich wünsche mir, dass es Euch auch gut geht. Nach nun drei Monaten in Deutsch- land habe ich die Zeit gefunden, Euch zu schreiben. Ich denke ständig an Euch, an Dich, die Kinder, Vater, Mutter und die Heimat. Ich fühle mich einsam und fremd. Das Leben in der Fremde ist schwer. Die Arbeit ist hart, aber der Tageslohn ist gut. Ich gehe nachts in die Fabrik und komme auch nachts wieder raus, es ist kalt und regnet, der Himmel ist grau und nicht blau, wie in der Heimat. Ich habe auch Deutsch gelernt: "Guten Morgen, Kalimera", "Gute Nacht, Kalinichta". Sie haben uns auch Bü- cher gegeben, damit wir Deutsch lernen und die Hunde nicht treten. Sag Mutter, dass es mir gut geht und dass sie sich keine Sorgen machen soll. Ich schicke Dir 50 Mark, 1.000 Drachmen, damit Du den Kindern warme Schühchen kaufen kannst, damit sie im Winter nicht frieren und Mutter einen dicken Mantel und Vater eine schöne Uhr, davon hat er immer geträumt. Und für Dich ein rotes Kleid, damit Du es anziehen kannst, wenn Du in die Kirche gehst.

Sag Onkel, er soll ein Auge auf denOlivenhain werfen und beim Weinstock das Unkraut entfernen. Iraklis, unserem Cousin, sagst Du, dass ich mit einem Landsmann über ihn gesprochen habe, um ihn nach Deutschland zu holen. Ich versuche, ein bisschen Geld zu sparen. Und wenn alles gut geht, komme ich Euch besuchen. Ein Landsmann, mit dem ich zusammen arbeite, hat mir gesagt, dass mir sogar Urlaub zusteht. Ich gebe kaum Geld aus, aber das Leben hier ist sehr teuer. Vor allem Es- sen, Getränke und Zigaretten. Sonst kaufe ich nichts, Du weißt ja, ich bin genügsam. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als unseren gemeinsamen Traum von einem Häuschen, wo wir endlich ein ei- genes Zimmer für uns haben und eines für Vater und Mutter.

Manchmal spielen sie hier unser Lied im Radio, es gibt einen griechischen Sender, den ich jeden Tag höre und dann kommen mir die Tränen, aber sag’ Vater und Mutter nichts davon. Ich werde es schaffen, ich werde durchhalten. Es sind ja nur drei Jahre und dann wird es uns allen gut gehen. In der Fabrik haben wir eine Kantine, aber das Essen ist ungenießbar, sie würzen hier nicht. Ich ver- misse unsere Oliven und Feta und unser Brot, hier gibt es nur schwarzes Brot. Manchmal gehe ich ins Griechische Haus, da versammeln sich viele Landsleute und trinken Kaffee, spielen Karten oder unterhalten sich einfach nur. Aber mach‘ Dir keine Sorgen, ich gehe nur zum Unterhalten hin, sonst nichts. Einige gehen auch tanzen, aber dort gibt es immer Ärger. Die Deutschen sind ganz anders
als wir. Manche Arbeitskollegen mögen uns hier nicht, aber unser Chef ist freundlich und bezahlt pünktlich. Ich bekomme alle zwei Wochen meinen Lohn in einer Tüte und einen Zettel, wo drauf steht, wie viel ich gearbeitet habe. Wenn ich nach Hause komme, werde ich Dir einen von diesen Zetteln zeigen. Alles ist so, wie es Petros damals erzählt hat, als er zurück ins Dorf kam. Ich verste- he aber immer noch nicht, warum er nur ein Jahr geblieben ist. Ich werde nicht vorher gehen, ich gebe Dir mein Wort. Bitte richte unserem Popen meine Grüße aus, er soll doch bitte gleich einen Brief für Dich aufsetzen, wenn er Dir meinen vorgelesen hat. Ich möchte doch Eure Neuigkeiten er- fahren und wissen, wie es Euch geht. Und schick’ mir ein Bild von Euch, damit ich es meinen Freun- den im Wohnheim zeigen kann. Ich erwarte sehnsüchtig Deine Antwort. Ich küsse Euch alle! Tassos ◊ KP


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