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TITELSTORY

Vom Gastarbeiter zum Mitbürger | Teil 2 "Begegnungen"

Leben in der Fremde

"Es ist keine Schande, nichts zu wissen. Wohl aber, nichts lernen zu wollen" lehrte uns schon der griechische Philosoph Sokrates. Doch Anfang der 1960er Jahre hatten weder die deutschen Bür-
ger noch die eingereisten Gastarbeiter großes Interesse daran, sich kennenzulernen oder anzu- freunden. Für die einen war das nicht der Grund ihrer Einladung nach Deutschland, für die ande-
ren nicht das Ziel ihrer Einwanderung. Das Wirtschaftswunder hierzulande brauchte dringend Ar- beitskräfte, der unterhaltsame Feierabend konnte warten.

Nötig waren die tatkräftigen Hände aus dem Ausland auf jeden Fall, davon hatte der damalige Wirt- schaftsminister und spätere Bundeskanzler Ludwig Erhard die deutsche Bevölkerung schnell über- zeugt. Der "Vater des Wirtschaftswunders" war vorausschauend, als er bereits knapp zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges mit dem italienischen Außenminister Gaetano Martini die Ver- träge aushandelte und Hunderttausende Italiener an die Werkbänke nach Deutschland holte. Erhard vertraute auf positive konjunkturelle Prognosen, und weil die Wehrpflicht wieder eingeführt werden sollte, erwartete er ohnehin einen Mangel an Arbeitskräften. Sie kamen aus der Not heraus und auf Zeit. Sie brauchten den guten Lohn, um sich in der Heimat eine eigene Existenz aufzubauen und ih- re daheim gebliebenen Familien zu ernähren.

Der Münchner Hauptbahnhof war in den Tagen des wirtschaftlichen Aufschwungs in Deutschland "Das Tor zum Balkan". Tausende kamen dort täglich an und wurden von dort sogleich zum Standort ihres neuen unbekannten Arbeitgebers weiterbefördert. Ihr Aufenthalt war von Ludwig Erhard nach dem sogenannten "preußischen Rotationsprinzip" geplant. Und das besagte: Um eine tatsächliche und dauerhafte Ansiedlung und Integration zu verhindern, galten die Arbeitsverträge zunächst nur für ein Jahr und einen bestimmten Arbeitgeber. Die Gastarbeiter durften außerdem nur solche Ar- beitsstellen annehmen, für die kein deutscher Arbeitnehmer zur Verfügung stand. Folglich bekamen sie meist nur die schweren und unattraktiven Tätigkeiten als Hilfsarbeiter – in der Industrie, bei der Eisenbahn oder im Straßenbau. Die hochmotivierten und meist jungen Arbeitsgäste aus dem Aus- land nahmen die neue Aufgabe dankbar an und sie beschwerten sich auch nicht. Doch schon bald sollte alles anders kommen, als Ludwig Erhard es geplant hatte.

Erst die Arbeit, dann das Vergnügen

Die deutschen Betriebe wollten, trotz des Widerwillens der deut- schen Bevölkerung, ihre gut ein- gearbeiteten und mittlerweile qualifizierten Gastarbeiter gern behalten und sie nicht nach ei-
nem Jahr wieder gegen unge-
lernte Neuankömmlinge aus-
tauschen. Also wurde Erhards "preußisches Rotationsprinzip" kurzerhand ausgesetzt – mit der Folge, dass nun das Problem der Integration auf den Plan trat.
Das Leben in der Fremde gestal-
tete sich für die neuen Mitbürger nämlich äußerst schwierig: Sie waren von der deutschen Be-
völkerung ungeliebt, doch von
der deutschen Wirtschaft will-
kommen. Ein griechischer VW-
Arbeiter brachte diesen Konflikt
auf den Punkt, als er auf die Frage eines Zeitungsreporters, ob er denn mit den Deutschen gut auskomme, antwortete: "Chef gut, schlaue Deutsche auch gut. Aber Kollega nix gut, immer schimpfen!" Dieser ein-
fache griechische Gastarbeiter der ersten Stunde beschrieb seinerzeit, in gebrochenem Deutsch zwar, dafür aber haar- genau, das Empfinden vieler ausländischer Arbeitnehmer.

Doch kann man seinen deutschen Kollegen wirklich und so einfach die Schuld zuweisen? Ist es nicht eher so, dass die Regierung es versäumt hat, die Bevölkerung über den Zuzug der ausländischen Arbeitnehmer und die damit verbundenen Schwierigkeiten rechtzeitig aufzuklären und sie darauf vorzubereiten? Diese Gastarbeiter sahen anders aus, hatten andere Religionen, andere Sitten, spra- chen kein Deutsch und aßen zudem Knoblauch. Der knappe, auswendig gelernte Wortschatz, den sie in ihrer Heimat bei der Tauglichkeitsprüfung lernen mussten, beschränkte sich auf nützliche Begriffe wie "Ja", "Nein", "Achtung!", "Essen", "Rauchen verboten" und natürlich "Arbeit". In Deutschland an- gekommen, erhielten sie dann eine "Fibel für Gastarbeiter" mit 2.000 Vokabeln und 450 bildlichen Darstellungen, die helfen sollten, die für das künftige Arbeitsleben in Deutschland notwendigen Wor- te zu lernen.

"Lern erstmal anständig Deutsch!"

Das erste, was die Griechen aus diesem patenten Büchlein erfuhren, war, dass man in Deutschland keine Hunde treten darf. Den nützlichen Rest sollten sie direkt von ihren deutschen Arbeitskollegen lernen, wie etwa: "Wir sind hier nicht in Griechenland!", "Einstand fällig, Kasten Bier!" und "Lern erst-

Im Männerwohnheim - Feier-Abend

mal anständig Deutsch!". Doch auf diesen praktischen "Deutsch- unterricht" war kein Gastarbeiter vorbereitet und so blieben sie gezwungenermaßen unter sich. Sie hatten gewissermaßen sogar Verständnis für die ablehnende Haltung ihrer deutschen Kolle- gen, denn sie waren nun mal Fremde und aus einem einzigen Grund in Deutschland: Um zu arbeiten – und nicht, um zu le- ben, Geld auszugeben oder gar Freunde zu gewinnen. Sie arbei- teten so viele Stunden wie nur möglich, um so viel Geld wie nur möglich in die Heimat zu schi- cken, wo meist die Großfamilie wartete, die es galt zu ernähren. Also beklagten sie sich nicht. Zunächst nicht. Doch je länger sich Deutschlands Gastarbeiter in der Fremde aufhielten, desto mehr wünschten sie sich, von den Deutschen akzeptiert zu werden und am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu dürfen. Vor allem die jungen, ungebundenen griechischen Gastarbeiter, auf die weder Frau noch Kinder in der Heimat warteten, wollten leben, sich amüsieren, dazugehören und natürlich auch einen Partner finden. Sie waren neidisch auf die schicke Kleidung der Einheimischen und traurig, dass sie nicht in ihre Treffs und Tanzclubs durften, wie damals etwa in Hannover das "Oliver Twist" oder das "Jenseits". Also mussten die griechischen Gastarbeiter an- fangs zwangsläufig unter sich bleiben. Sie trafen sich in der Milchbar oder im Café, denn selbst in deutschen Kneipen waren sie meist unerwünscht. Auf dem Weg zurück ins Männerwohnheim kauften sie Getränke und versammelten sich in einem der Zimmer, erzählten sich Geschichten aus der Hei- mat, sprachen über ihre Sehnsüchte und träumten gemeinsam von einer besseren Zukunft in Grie- chenland. Sie hörten dazu Radio und tanzten zur Musik, denn das Radio war oftmals die einzige Ver- bindung zur Heimat. Diese erschien in diesen Momenten so unglaublich weit weg. Es waren dann die jungen griechischen Gastarbeiter, die diesen bedrückenden "nur arbeiten, ohne zu leben"- Zustand nicht mehr ertragen konnten und sich daran machten, nicht nur die Arbeitsanweisungen auf Deutsch zu verstehen, sondern die deutsche Sprache richtig zu erlernen.

Diese neue Situation brachte die Debatte über die Einwanderungsgesellschaft in der Bundesrepublik bereits in den vergangenen 60er Jahren ins Rollen. Schon damals wurde über Integration öffentlich diskutiert. Der Ton war in der Regel wohlwollend väterlich – was allerdings häufig auch bedeutete, dass schlechte Arbeits- und Wohnbedingungen verharmlost wurden. "Die großen Kinder aus dem Süden sind vereinsamt" titelte dazu die Frankfurter Allgemeine Zeitung in ihrer Ausgabe vom 9. No- vember 1962. Die geschlossenen Wohnheime der ausländischen Arbeiter wurden von der Bild-Zei- tung am 14. Mai 1966 als "Hort und Heimat mit verständnisvollen, hilfsbereiten Heim-Papas und -Ma- mas" dargestellt. Auch politische Akteure warben mit fürsorglich-bevormundender Überheblichkeit um Verständnis für das befremdliche Verhalten der Ausländer: "Ordnung, Sauberkeit und Pünktlich- keit scheinen uns selbstverständliche Eigenschaften eines anständigen Menschen zu sein. Im Süden kennt und lernt man das eben nicht", erklärte etwa der Caritas-Präsident Albert Stehlin den Deut- schen großkotzig die scheinbar andersartige Mentalität der Gastarbeiter. Er versäumte es auch nicht, die "ganz andere Wesensart der Südländer" zu unterstreichen – eine Argumentation, die in diesem Zusammenhang wohl als Werbung um Verständnis gemeint war, die Abgrenzung aber nur förderte. Doch die Griechen befanden sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem besten Weg, sich in der ehe- maligen Fremde und nun neuen Heimat einzurichten und zu integrieren. Viele ledige griechische Gastarbeiter der ersten Stunde heirateten deutsche Frauen. "Sprecht unsere Sprache, und ihr wer- det zu uns gehören", rät ein Sprichwort in Griechenland. Integration beginnt mit "einander verste- hen". In Hannover wurde im Jahre 1964 die griechische Kirchengemeinde gegründet, 1968 das grie- chische Generalkonsulat. Es folgte bald darauf der erste griechische Fußballverein "Iraklis Hannover" und das so genannte "Griechische Haus" von Thanassis Giaourtzis, eine Art Freizeitheim für Grie- chen. Der erste griechische Gastwirt ließ auch nicht lange auf sich warten: "Kostas o Kalamatianos" eröffnete 1966 (mit der Konzession seiner deutschen Ehefrau) seine erste Kneipe auf der Langen Laube. Gefolgt von Sokratis Kerastas, einer der ersten Griechen in Hannover, der 1968 seine erste Bierstube am Lister Platz eröffnete. Und seit 1970 gibt es auf der Hildesheimer Straße das "Camp" – das erste griechische Spezialitätenrestaurant, das Apostel Papapostolou eröffnete und durch das die deutschen Hannoveraner erst die griechische Küche kennen und lieben gelernt haben. Das nun ent- standene "Griechische Leben" in Hannover entlarvte auch die "Gastarbeiterlüge". Die Goldgräber- stimmung war verstummt. Der Traum, in kurzer Zeit viel Geld zu verdienen, platzte. Die Briefe, in denen sie "Poli doulia, pola lefta" (zu deutsch: Viel Arbeit, viel Geld) schrieben, waren gelogen. Nur wenige haben es geschafft und sind rechtzeitig nach ihrem befristeten Arbeitsvertrag mit ihren Er- sparnissen zurückgekehrt. Die anderen haben ihre neue Heimat kennen und lieben gelernt, haben ihre Familien geholt oder hier gegründet und sind nun Mitbürger geworden. Den Unbelehrbaren, die nach so vielen Jahren noch immer auf zwei Stühlen sitzen, seien einmal mehr die weisen Worte von Sokrates ans Herz gelegt: "Es ist keine Schande, nichts zu wissen. Wohl aber, nichts lernen zu wol- len". Entscheidet Euch endlich für einen Stuhl!

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