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TITELSTORY

Biografie | Eine persönliche Erfolgsgeschichte

Zeit für Pioniere

"Das Brot im Ausland ist bitter, das Wasser trüb, die Matratzen hart", sang der berühmte Volksmusiker Stelios Kasantzidis – und sprach damit den griechischen Gastarbeitern aus der Seele.

Letzter gemeinsamer Abend in Griechenland

Mit einem Traum fing alles an. "Deutsch- land sucht Arbeitskräfte und vergibt feste Arbeitsverträge" – als dieser Aufruf im Jah- re 1963 kam, arbeitete ich in einer Papier- fabrik in Thessaloniki. Mein Lohn reichte kaum, um meine fünfköpfige Familie zu er- nähren. Ich war 25 Jahre alt, und mein größter Traum war ein Häuschen für meine Familie und raus aus der viel zu kleinen Wohnung, in der wir nach dem Umzug vom Dorf in die große Stadt wohnten. Ich brauchte nicht lange, um mich zu entschei- den. Drei Jahre im reichen Deutschland, und mein Traum würde wahr werden. Fest entschlossen ging ich am nächsten Tag in die Dodekanissou Straße, wo fünf deutsche Ärzte die Bewerber für Gastarbeiterverträ- ge auf ihre Tauglichkeit untersuchten. Doch ich wurde abgelehnt, weil ich einen schlechten Zahn hat- te. Ich kratzte alles Ersparte zusammen und ließ ihn umgehend behandeln, so dass ich im zweiten Anlauf mehr Erfolg hatte und den ersehnten Arbeitsvertrag mit einer Wollkämmerei in Hannover ab- schließen konnte.

Abfahrt aus Thessaloniki

Am 18. August 1964 stand ich endlich auf dem Haupt- bahnhof von Thessaloniki und stieg in den "Akropolis-Express", der immer dienstags und donnerstags fuhr und die einzige Verbindung nach Deutschland war. Auf dem Gleis drängten sich viele Menschen, Kinder und Frauen weinten zum Abschied. Auch meine schwange- re Frau und meine drei Kinder weinten, doch ich mach- te ihnen Mut: "Ich komme bald wieder, nur drei Jahre", mehr brachte ich nicht heraus. Zwei Tage später stand ich in einem Männerwohnheim in Hannover. Die Miete für das karge Zweibettzimmer betrug 20 DM pro Mo- nat. Durch einen glücklichen Zufall lernte ich nach kur- zer Zeit einen Landsmann kennen, der schon länger in Hannover lebte, gut Deutsch sprach und nebenbei als Dolmetscher arbeitete. Ihm habe ich es zu verdanken, dass ich schon einen Monat nach meiner Ankunft von der Wollkämmerei in Döhren zur Deutschen Bundes- bahn wechseln konnte. Als Wagenwäscher, mit einem Verdienst von 398 DM im Monat. Und ich begann eben- falls Deutsch zu lernen, an der Benedikt Schule in der Bahnhofstraße. Damit ich mich hocharbeiten konnte. Erst zum Rangierer und später zum Lokführer.

Meine griechischen Freunde traf ich regelmäßig in der Milchbar im Hauptbahnhof oder im Citycafé gegenüber. Der Kontakt zu Deutschen hingegen war anfangs schwierig und beschränkte sich nur auf Arbeitsanweisungen. Wir saßen auch in der Kantine an getrennten Tischen und hatten oft das Gefühl, unerwünscht zu sein. Aber je besser wir ihre Sprache beherrschten, desto näher rückten sie an un-

Im Männerwohnheim

sere Tische, probierten genüsslich Fetakäse und Oliven und wollten mehr über unsere Heimat erfahren. Im Sommer 1965 wurde meine kleine Tochter, die während meiner Abwesenheit in Griechenland zur Welt ge- kommen war, schwer krank. Die Sehnsucht nach meiner Familie und die Angst um sie zwangen mich, meine Familie auch nach Deutschland zu holen. Ich mietete eine kleine Wohnung in der Berggartenstraße 7 in Herrenhausen. 25 enge Quadratmeter für unsere sechsköpfige Familie für 200 DM Miete pro Monat. So lebten wir viele Jahre, die Kinder wurden größer und eingeschult, meine Frau bekam eine Anstellung bei ei- ner Druckerei. Und dann, 1973, erhielten wir Gastarbeiter eine Einladung des dama- ligen Oberbürgermeisters Herbert Schmal- stieg, um mit ihm und anderen Politikern im Rathaus über unsere Probleme zu sprechen. Das war eine große Ehre, und für uns auch ein weiterer Schritt, in Hannover zu bleiben. Unsere Kinder hatten sich längst für Deutschland entschieden. Und wir, die wir eigentlich immer nach Griechenland zu- rückkehren wollten, konnten sie auf gar keinen Fall hier allein zurücklassen. Aus den geplanten drei Jahren Gastarbeiter-Aufenthalt sind mittlerweile 45 Jahre geworden. Unser neues Leben in der zwei- ten Heimat. Und dank Deutschland haben wir ein Haus für uns und unsere Kinder bauen können. Mein größter Traum ist in Erfüllung gegangen! ◊ KP

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