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TITELSTORY

Vom Gastarbeiter zum Mitbürger | Teil 1 "Die Ankunft"

Die erste Generation

Es ist schon lange her, dass die ersten "Gastarbeiter" nach Deutschland einreisten. Sie kamen nicht immer freiwillig, sondern oft aus der Not heraus, weil es in ihrer Heimat keine oder nur wenig Arbeit gab. Und wie wollten sie ihre Familie, ihre Frau, ihre Kinder anders ernähren? Darüber hinaus suchte das Wirtschaftswunderland Deutschland der 50er und 60er Jahren eine Vielzahl von ausländischen Arbeitskräften und schloss bereits 1955 eine Vereinbarung mit Italien, 1960 mit Spanien und Grie- chenland sowie 1961 mit der Türkei. Zwischen 1961 und 1987 wanderten 15 Millionen Ausländer nach Deutschland ein, nur elf Millionen wanderten wieder ab. Denn die deutschen Betriebe wollten die gut eingearbeiteten und qualifizierten ausländischen Mitarbeiter gern behalten.

Und so wurden aus kurzfristig angeheuerten Arbeitern langfristig geschätzte Arbeitnehmer, die dann auch ihre Familien nachkom- men ließen. Über die Jahre wuchs die Zahl der ausländischen Be- völkerung in Deutschland von 80.000 im Jahr 1955 auf beachtliche 2,6 Millionen im Jahr 1973. Das ist eine Verdreißigfachung inner- halb von nur 18 Jahren! Der Beginn der Wirtschaftsrezession 1966 und die erste weltweite Ölkrise im Jahr 1973 veränderten jedoch in Deutschland die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen elementar. Als sich auf dem Höhepunkt der Zuwanderung fast drei Millionen Gastarbeiter im Land befanden, wurde unter der Re- gierung des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt ein Anwerbestop verhängt. Doch viele der ausländischen Gastfamilien blieben, obwohl die Arbeitslosenzahlen stetig anstiegen. Mit dem Rück- kehrförderungsgesetz wurde ab 1983 schließlich der Versuch unternommen, die ausländischen Gast- arbeiter in ihre Heimatländer zurückzuführen. Ohne Erfolg, denn viele von ihnen hatten sich bereits erfolgreich in die deutsche Gesellschaft integriert und waren entschlossen, mit ihrer Familie in der neuen Heimat zu bleiben.

Mittlerweile lebt die zweite und dritte Generation hier und betrach- tet Deutschland ganz selbstverständlich als ihre zweite Heimat – nicht ohne das Bewusstsein allerdings, dass sie ausländische Wur- zeln haben. Das führt mitunter zu Spannungen nicht nur mit deut- schen Mitbürgern, sondern auch innerhalb der eigenen Familie. Dennoch hat ein beträchtlicher Teil von ihnen den sozialen Auf- stieg vom einst geduldeten Gastarbeiter zum professionellen Gast- geber geschafft. Mit ihrer liebevollen und sympathischen Art sorgen sie, unter Wahrung ihrer natio- nalen und kulturellen Identität für ein vielseitiges und abwechslungsreiches Miteinander von Deut- schen und Griechen. Genau dafür werden sie sehr geschätzt.


Griechenland und Deutschland
Ein historischer Rückblick


Die deutsch-griechischen Beziehungen in Kultur und Wissenschaft können von jeher auf eine alte und feste Tradition zurückblicken. Schon zur Zeit Karl des Großen (800 n. Chr.) kam es zu einer kul- turellen Annäherung zwischen Byzanz und dem Westen, die ihren Höhepunkt im 10. Jahrhundert während der Epoche des ottoni- schen Kaisers in der Gestalt der byzantinischen Prinzessin und deutschen Kaiserin Theophano erreichte. Nach dem Fall Konstanti- nopels (dem heutigen Istanbul) löste die Massenemigration byzantinischer Gelehrter nach Italien und vereinzelt auch nach Deutschland das Zeitalter der Renaissance aus: Wie die italienischen, französi- schen, englischen und holländischen Humanisten jener Zeit waren auch die großen deutschen Hu- manisten allesamt Schüler griechischer Gelehrter.

Die deutsche Reformation und ihre geistigen Führer Martin Luther und Philipp Melanchthon gaben der Verbreitung der griechischen Sprache im gesamten westlichen Europa der Gelehrten eine nachhalti- ge Dynamik. Universitäten wie Tübingen und Heidelberg waren nicht nur Zentren der klassischen deutschen Gelehrsamkeit, auch Griechen wirkten dort als Professoren. Zusammen mit ihren deut- schen Kollegen bereiteten sie den Boden dafür, dass die altgriechische Sprache und die griechische Kultur in der Epoche der Deutschen Klassik ihren größten Triumph erlebten. Dichter wie Goethe, Herder, Hölderlin, Lessing und Schiller sind nur einige und gleichwohl die bekanntesten geistigen Vertreter einer Bewegung, die viel zu einer kulturellen Synthese der deutschen und griechischen Kultur beigetragen hat. Infolge dessen wurde Deutschland zu einer zweiten Heimat dieser griechi- schen Kultur, die sich in ihrem eigenen Land aufgrund der brutalen osmanischen Unterdrückung kaum mehr weiter entwickeln konnte.

Sowohl die gemeinsam gewachsenen Traditionen als auch die Bewunderung der geistigen Elite Deutschlands für die griechische Antike lieferten den Ansporn für die Unterstützung, ja zum Teil ak- tive Teilnahme an den Aufständen und Befreiungskriegen des griechischen Volkes gegen die gewalt- same Unterdrückung der Türken. Die deutsche Philhellenen-Bewegung mit Bayernkönig Ludwig I. und Friedrich Thiersch an ihrer Spitze suchte dafür nicht nur ideelle Unterstützung, sie sammelte auch beträchtliche finanzielle Mittel. Friedrich Thiersch gründete sogar das griechische Gymnasium "Atheneum" in München, und viele Studenten (die übrigens zum großen Teil aus Makedonien kamen) studierten damals mit Stipendien der Philhellenen an der Universität München.

Der deutsche Freistaat Bayern war mit dem neugriechischen Staat nicht nur durch die Person seines ersten Königs Otto verbunden. Dem Monarchen folgte auch eine große Zahl deutscher Architekten, Wissenschaftler und Künstler, die einen entscheidenden Einfluss auf Griechenland ausüben sollten. Und selbst nach der Abdankung Ottos blieben die beiderseitigen Beziehungen sehr eng. Bis zum zweiten Weltkrieg hatten deswegen die meisten griechischen Hochschullehrer, Politiker und Künstler in Deutschland studiert. In diesem Land, in diesem positiven und für sie günstigen philhellenischen Klima fühlten sich die griechischen Studenten und Wissenschaftler fast wie zu Hause. Und aus die- sem Grunde wirkten die Geschehnisse des Dritten Reiches auf sie und auf ganz Griechenland auch wie ein Schock. Die schmerzlichen Erfahrungen des Krieges begründeten daher ein großes Misstrau- en gegenüber dem einstmals so geliebten Deutschland, das im Gegensatz zu anderen Großmächten (wie insbesondere Großbritannien, aber auch Russland) Griechenland bzw. griechischen Boden bis dahin nie als Einflußsphäre bzw. als direkte oder indirekte Kolonie betrachtet und behandelt hatte.

Doch die Zeiten haben sich geändert und mit ihnen auch die Politik und die Lebensumstände der Menschen. Gegenwärtig verzeichnet Deutschland im Vergleich zu allen anderen Ländern der Europä- ischen Union die höchste Zahl griechischer Einwohner. Nach der offiziellen Statistik von 1994 sind in Deutschland über 355.000 Griechen amtlich gemeldet. Wenn man die Neigung der Griechen zu Mel- degesetzen im Allgemeinen und zu den Deutschen im Speziellen kennt, wird die Zahl realistisch wohl höher einzuschätzen sein. Damit stellen die Griechen – übrigens seit geraumer Zeit schon – die viertgrößte Gruppe von ausländischen Mitbürgern in Deutschland (ihnen folgen die Türken, die Bür- ger des ehemaligen Jugoslawiens und die Italiener). Ihr Anteil an der Gesamtheit der Ausländer ist allerdings von früher 11% auf nunmehr 5% abgesunken. Drei Phasen der Zu- bzw. Abwanderung lassen sich dabei unterscheiden:

· Bis 1973, als die Zahl der Griechen in Deutschland mit rund 408 000 ihren höchsten Stand erreich- te, war die Zuwanderung stets höher als die Abwanderung.

· 1974, nach der Entmachtung der seit 1967 herrschenden Militärjunta in Griechenland, trat eine Rückwanderung ein, die die Zuwanderung deutlich übertraf. Bis 1987 sank die Zahl der Griechen in Deutschland erheblich.

· Seit 1988 steigt die Zahl der nach Deutschland einwandernden Griechen wieder stark an – als Fol- ge von Familienzusammenführungen und bedingt durch die weniger günstige konjunkturelle Entwick- lung in Griechenland. Mehr als ein Drittel (107.000) der Griechen lebte Ende 1991 in Nordrhein- Westfalen, es folgen Baden-Württemberg (83.000) und Bayern (63.500). Bezogen auf die Großstäd- te wohnen die meisten Griechen in München (ca. 25.000), Stuttgart (ca. 17.000) und Düsseldorf, ge- folgt von Ludwigsburg, Hamburg und Köln. Hannover spielt in diesem Zusammenhang nur eine un- tergeordnete Rolle.

Es gibt in Deutschland 144 "griechische Gemeinden", in denen etwa 60.000 Mitglieder organisiert sind. Die griechische Diaspora gilt als so gut integriert, dass in einer amtlichen Schrift des Bundes- ministeriums für Arbeit und Sozialordnung die Griechen als eine "unauffällige Minderheit" betitelt werden. Sie unterscheidet sich jedoch grundsätzlich von der der griechischen Auswanderer in Aus- tralien oder in Nordamerika. War und ist es dort eine als ständig geplante Auswanderung mit der ge- samten Familie, handelt es sich bei den Griechen in Deutschland eher um eine als vorübergehend geplante Arbeitsemigration, die vorwiegend von einzelnen Personen (also nicht von der gesamten Familie) getragen wurde und nach wie vor getragen wird. Betrachtet man aber nicht allein die Motive für eine Aus- bzw. Einwanderung, sondern auch die Realität, so wird erkennbar, dass die Griechen – entgegen ihren ursprünglichen Planungen – eine der am wenigsten mobilen Ausländergruppen in Deutschland sind: Mit 19,6 Jahren weisen sie die höchste durchschnittliche Aufenthaltsdauer auf (Stand: 1991). Erstaunlich jedoch: Laut einer Umfrage aus dem Jahre 1993 hatte nur etwa ein Drittel aller befragten griechischen Haushaltsvorstände keine Rückkehrpläne!

Interessant in diesem Zusammenhang ist auch: Griechen verlassen Deutschland häufiger als andere Immigranten – und sie kehren wieder zurück. Das ist selbstverständlich nur für EUBürger möglich. Aber diese „Pendlermentalität" hat auch negative Konsequenzen für die Beschäftigung der Griechen, ihre soziale Absicherung, die Aufstiegsmöglichkeiten und die Integration der Kinder sowie deren Bil- dungsmöglichkeiten in ihrer zweiten Heimat.

Seit Mitte der vergangenen 70er Jahre hat sich die Zahl der abhängig beschäftigten Griechen in Deutschland mehr als halbiert, obwohl die griechische Wohnbevölkerung wieder auf ein ähnliches Volumen wie zu Beginn der 60er Jahre angewachsen ist. Der Anteil der Beschäftigten an der Wohn- bevölkerung ist hierbei von zwei Drittel auf rund ein Drittel abgesunken. Die Zahl der sozialversiche- rungspflichtigen Beschäftigten ist von 270.000 im Jahre 1972 auf 121.000 im Jahre 1993 gesunken. Die meisten der in Deutschland verbliebenen griechischen Einwanderer der 60er und 70er Jahre ver- richten heute eine ungelernte Arbeit. Die Berufsstruktur hat sich mit der Zeit ebenfalls stark verän- dert: Die große Mehrzahl ist zwar immer noch im verarbeitenden Gewerbe tätig, knapp ein Drittel jedoch arbeitet heute im Dienstleistungssektor, etwa 8% im Handel und weniger als 4% im Ver- kehrs- und Baugewerbe.

Eine mit 17,5 % im März 1994 überdurchschnittlich hohe Arbeitslosenquote verdeutlicht, dass eine bedeutende Teilgruppe griechischer Erwerbstätiger in der Bundesrepublik schlechte Arbeitsmarkt- chancen hatte. Auf der anderen Seite verfügt ein steigender Anteil über eine vergleichsweise gute Qualifikation bzw. eine gute berufliche Position. Über ein Viertel der griechischen Beschäftigten sind qualifizierte Fachkräfte. Viele sind in höhere Einkommensgruppen aufgestiegen oder haben sich selbständig gemacht. Die Griechen halten mit über 12.000 Selbständigen (10,3%) den höchsten An- teil der Selbständigen unter den in Deutschland lebenden Ausländern. Über 1.000 von ihnen sind Groß- und Einzelhandelskaufleute. Und im Gastgewerbe stellen sie mit 60% bundesweit immerhin die Mehrzahl der ausländischen Gastronomen!

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